Rede zum Volkstrauertag 2024
Sehr geehrter Vorsitzender der Gemeindevertretung Hering,
sehr geehrter Oberst a.D. Damm,
sehr geehrte Pfarrerin Schmitt,
sehr geehrte Feuerwehrkräfte,
sehr geehrter Posaunenchor,
liebe Lehrer und Schüler der Christine-Brückner-Schule.
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitbürger,
es ist noch nicht allzu lange her, da wurde ich als Schüler der Christine-Brückner-Schule zum Volkstrauertag eingeladen und wir haben als Schüler darüber gesprochen: „Was hat das denn mit uns zu tun?“
Es war eine Zeit, die zwar in Sichtweite ist, aber sich mittlerweile in weiter Ferne zu befinden scheint: Vor einer großen Flüchtlingswelle von Menschen, die vor Krieg und Gewalt in unserem Land Zuflucht suchen. Es war vor der Ukraine-Krise, die 2022 zu einer kriegerischen Auseinandersetzung in Europa geworden ist. Vor dem brutalen Angriff der Hamas auf Israel, der zu einem Krieg in Nahost geführt hat. Und hochaktuell war es in einer Zeit, bevor in unserem Nachbarland – den Niederlanden – antisemitisch-motivierte Angriffe vorgefallen sind.
Wir müssen somit feststellen, dass seitdem sich meine Klasse diese Frage gestellt hat, sich unsere Welt grundlegend verändert hat und die Frage von Krieg und Frieden wieder in unseren Alltag gefunden hat. Krieg und Frieden sind sich sehr viel näher als wir uns das damals vorstellen konnten – sie liegen nicht einmal eine Generation auseinander. Nun darf uns dies nicht lähmen; wir dürfen nicht resignieren.
Liebe Mitbürger,
in Hessen wird der Volkstrauertag auch als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege begangen. Dies ist ebenfalls die Botschaft auf unserer Kriegsgräberstätte in Bad Emstal, denn hier liegen sowohl Soldaten als auch Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft nebeneinander. Dies zeigt bildlich, wie nahe sich Schicksale kommen können und dies war auch eine Botschaft der gestrigen Lesung der Volksbühne Bad Emstal in der evangelischen Kirche Sand. „Empfänger unbekannt“ spielt in der Phase kurz vor und kurz nach der Machtergreifung. Es zeigt, dass sich niemand von uns sicher sein kann, welches Schicksal einen in einer Diktatur ereilen kann: Bleibt man Unbeteiligter, ist man Mitläufer, ist man Täter, wird man Kollateralschaden auf dem Schlachtfeld oder ist man Opfer. All diese Schicksale treffen genau hier aufeinander und es könnten unsere Schicksale werden. Denn Geschichte wiederholt sich, wenn wir nicht daraus lernen.
Und das beantwortet die anfangs gestellte Frage: „Was hat der Volkstrauertag mit uns zu tun?“; und zwar nicht mit den Schülern, sondern mit uns allen. Wenn Krieg und Frieden so nahe beieinander liegen, so sind wir alle gefragt, für Frieden zu arbeiten. Wir sind alle gefragt, uns im 75. Jahr nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland für unsere Demokratie einzusetzen. Wir müssen aus unserer Geschichte lernen, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Dafür müssen wir wissen, wo wir hergekommen sind, wir müssen derer gedenken, die vor uns waren und dann können wir gemeinsam unsere Zukunft und unser Schicksal selbstbestimmt in die Hand nehmen.
Unser ehemaliger Bundeskanzler Helmut Kohl hat dies folgendermaßen ausgedrückt: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Und genau deshalb stehen wir heute hier. Vielen Dank hierfür und ich bedanke mich bei allen, die diese Veranstaltung ermöglichen.